Klassenklima und Unterrichtsstörungen in 7 Schritten meistern – Garantiert. (Teil 3 – Positive Verstärkung)

Lesezeit: 5min+

Liebe Lehrerinnen und Liebe Lehrer-Freunde

In Teil 1 dieser Serie wurden zielorientierte Unterrichtsregeln

und in Teil 2 die Umsetzung von wirksamen Konsequenz bei Störungen aufgezeigt.

Nun folgt das dritte von sieben Puzzlestücken für ein tolles Klassenklima.

In diesem Kapitel geht es auch wieder um ein simples aber sehr effektives Werkzeug, das enorm wichtig ist, um eine positive Unterrichtsatmosphäre zu erreichen.

Das einzige wirkliche Problem dabei ist, dass man es im Alltag schnell wieder vergisst regelmässig zu tun…

Man nennt es „Förderung von positivem Verhalten“ oder „Positive Verstärkung“.

Power Of Positive Feedback

Es geht darum, den Fokus von unserer Aufgabe als Lehrperson wegzunehmen von der klassischen “Fehlerkultur” und „Prüfungskultur“, hin zur Orientierung nach den alltäglichen Stärken unserer SchülerInnen.

Anstatt immer ständig vor allem darauf zu schauen, was sie (noch) “nicht gut” machen, wollen wir täglich versuchen, einzelnen SchülerInnen Feedback zu vielen Kleinigkeiten zu geben, welche sie bereits gut machen.

Dinge, welche uns im Alltag selbstverständlich erscheinen, es aber nicht sind.

Ist es selbstverständlich, dass SchülerInnen sich gegenseitig freiwillig helfen?

Ist es es selbstverständlich, dass sie sich bei Aufgaben Mühe geben, mitzumachen und sich anzustrengen?

Es ist überhaupt nicht selbstverständlich.

Sie könnten auch die ganze Zeit nur für sich selbst schauen, oder gerade einen schlechten Tag und keine Lust haben, bei irgendetwas mitzumachen.

Daher müssen wir uns stets erinnern, den SchülerInnen wertschätzendes Feedback zu geben.

Als Lehrpersonen fördern wir “positives” Verhalten, wenn wir unseren SchülerInnen regelmässig und wohldosiert zurückmelden, dass sie sich toll verhalten.

Selbst wenn es nur kleine aber vorbildliche Dinge sind, sollten wir sie dafür loben und sie schlussendlich damit motivieren, noch mehr davon zu zeigen.

Es ist kein Wunder, dass unser Fokus durch die Aufgabe reglmässig ein Schulzeugnis ausstellen zu müssen, bereits darauf vorprogrammiert ist, alles zu erkennen und festzuhalten, was von “der Norm” oder den “Zeugnis-Ansprüchen” abweicht.

Wir müssen uns dagegen wehren, von diesem Zeugnis-Fokus voreingenommen zu sein und immer nur das „Imperfekte“ zu suchen (die Lücke zum „besten“ Zeugnis), und uns immer wieder daran erinnern, den Blick auf die Dinge zu richten, welche SchülerInnen bereits “gut” machen.

  • “Danke für deine Anstrengung”
  • “Danke für dein vorbildliches Verhalten in der Klasse”
  • “Danke für deine genaue Arbeit”
  • “Danke für dein ruhiges und konzentriertes Lernen”
  • “Du hast dir heute wirklich Mühe gegeben – super! Weiter so!”

sind kurze aber äusserst wirksame Aussagen, die dich als Lehrperson nichts kosten.

Solche Aussagen sind auch schnell schriftlich dokumentiert, wenn du deine (z.b. digitalen) Schülerportfolios schnell hervornehmen kannst und etwas für das nächste Elterngespräch in der Hand haben möchtest.

Z.B. In einer ruhigen Minute der Lektion, wenn die SchülerInnen gerade an einem Auftrag sind, überlegt man kurz, wer sich Mühe gibt etc. und schreibt dies systematisch auf (vor allem auch an die unauffälligen SchülerInnen denken) .

Das soll jetzt übrigens nicht heissen, dass du täglich für 25 SchülerInnen ständig rückmelden und akribisch dokumentieren sollst.

So viel Zeit haben wir Lehrpersonen im Schulalltag sowieso nicht 😉 aber es lohnt sich, sich ein eigenes Ziel setzen, z.B. täglich ein paar SchülerInnen zurückzumelden, wenn sie sich in irgendeiner Weise toll Verhalten haben. Am nächsten Tag stellst du den Fokus auf eine andere Auswahl von SchülerInnen usw.

Wichtig ist natürlich, dass ehrlich lobst und nicht nur versuchst, deinen SchülerInnen Honig um den Mund zu schmieren, den sie gar nicht verdient haben.

Lob muss wahr und authentisch sein.

Gerade wenn solch lobendes Feedback vor den Augen anderer SchülerInnen oder sogar der ganzen Klasse gemacht wird, werden die MitschülerInnen viel eher motiviert sein, genauso “vorbildliches” Verhalten zu zeigen, um auch wertschätzendes Feedback von der Lehrperson zu erhalten.

Und wenn man es regelmässig mit immer wechselnden SchülerInnen macht, kann niemand vermuten, dass man einzelne vorzieht etc.

Besonders zu beachten ist, dass man spezifisch lobt und beschreibt, was genau gut gemacht wurde.

Wenn nur ein “Du bist super” ausgesagt wird, fühlen sich SchülerInnen zwar gut, wissen aber nicht immer genau, was sie wirklich gut gemacht haben.

Entscheidend ist, dass man spezifisch im Lob beschreibt, was sie genau getan haben, um klarzustellen, welche Anstrengung und Mühe sie erneut aufbringen müssten, um erneut wertschätzendes Feedback zu erhalten.

Nur so nebenbei… Im 2. Teil dieser Serie Wie man wirklich konsequent wird habe ich vorgeschlagen, aus Störungen manchmal öffentlich “ein Exempel zu statuieren”.

Da wir Menschen viel nach sozialer Bestätigung handeln und leben, bin ich der Meinung, dass man Vieles im Alltag allen SchülerInnen transparent machen darf – egal ob es Lob oder Konsequenzen sind.

Menschen beobachten Menschen. Und wenn ihnen das folgende Feedback gefällt, fangen sie an das Verhalten nachzuahmen.

Solange alles auf eine “sachliche” und “objektive” Art und weise kommuniziert wird, bedeutet es für alle, faire und gleichberechtigte Behandlung.


Nachahmung ist die höchste Form der Anerkennung.

Oscar Wilde
(1854 – 1900) irischer Lyriker, Dramatiker und Bühnenautor


Und übrigens kann sich natürlich auch eine ganze Klasse an einem Lob erfreuen, wenn sie mal für 5min. ruhig und selbständig an einer Aufgabe gearbeitet haben:

“Danke, dass ihr euch Mühe gegeben und so ruhig die Aufgaben gelöst habt. Jede und jeder von euch hat dazu beigetragen und bewirkt, dass sich so alle besser konzentrieren konnten. Weiter so!”

Dokumentation – Mündlich ist gut, schriftlich wirkt länger

All dieses Feedback kurz und effizient zu dokumentieren lohnt sich wirklich und sollte schlussendlich entscheidender sein, als nur mündliches Feedback zu geben.

Ähnlich wie bei Inhalten auf dem Smartphone, die man immer wieder gerne nachlesen geht, sehen sich die SchülerInnen immer wieder gerne an, wofür sie Lob erhalten haben.

Das kann ihr Selbstwertgefühl stärken und motivieren, weiterhin solches Verhalten zu zeigen, um mehr Wertschätzung zu erhalten.

Schliesslich ist Wertschätzung etwas, wonach wir Menschen uns im Leben immer in irgendeiner Form sehnen. Egal ob von Familie, Freunden, Eltern, Vorbildern und anderen Mitmenschen – Lehrpersonen.

Dokumentation von allem mag zu Beginn nach einem riesigen Aufwand klingen, aber es ist nur eine Frage davon, was für ein System man sich vorher einrichtet.

Und ausserdem sollte man sich die Frage stellen, wie viel Zeit man schlussendlich gewinnt, wenn man seine Zeit regelmässig in solche Aufgaben investiert, weil dann der gesamte Unterricht “besser läuft”, da die SchülerInnen gerne im Unterricht einer Lehrperson mitmachen, die sie mit regelmässigem Lob motiviert.

Eine sehr einfache Lösung für Schulen, die (noch) keine Lehrer-Plattform für Dokumentation zur Verfügung haben, kann z.B. eine Excel oder Google Tabelle sein.

Word oder Google Docs ist natürlich auch eine Möglichkeit. Jede Lehrperson muss für sich selber testen, was einem am besten passt.

Tabellarisch kann dann “positives” und “negatives” Verhalten festgehalten werden und das Dokument an die Eltern und SchülerInnen freigegeben werden, per Freigabe-Funktion oder als Mail-Kopien.

Um dem Datenschutz gerecht zu werden, können die Namen der SchülerInnen z.B. nur mit Initialen angegeben werden.

Die Tabelle kann auch ausgedruckt werden. Gerade die SchülerInnen selbst, welche es sich verdient haben, dieses Lob “ernten” zu dürfen, müssen es schwarz auf weiss sehen können.

Wenn sie keinen digitalen Zugang zu den Lehrer-Dokumenten haben, muss man sich überlegen, die Papiere z.B. Ende der Woche kurz auszudrucken oder es ihnen sonst irgendwie transparent zu machen.

Wichtig ist schlussendlich, dass alle Parteien stets informiert sind: Lehrperson(en), SchülerInnen und Eltern.

(Wenn sich mehrere SchülerInnen positiv verhalten, kann die Notiz per “copy+paste” bei mehreren Personen eingetragen werden.)

Dies ist nur eine von vielen möglichen Lösungen, die sich jeder selber einrichten kann. Die Schule, an der ich aktuell arbeite, benutzt bspw. die Schulplattform “Escola”, welche erlaubt, Einträge sofort per Knopfdruck an die Eltern per Mail mit zu schicken (das ist echt praktisch, kann aber manuell fast genauso schnell getan werden).

Der verhältnismässig “mittelgrosse” Aufwand ein solches System vorher aufzusetzen, bringt einen riesigen Mehrwert, um langfristig ein positives und produktives Klassenklima zu erreichen, weil regelmässiger Elternkontakt, Transparenz und schriftliche Dokumentation alle Parteien immer wieder daran erinnern, was der aktuelle Stand ist und was getan werden muss, um ein „gutes Ergebnis“ in der Schule zu erreichen.

Kritiker könnten nun argumentieren, dass all dies ein Form von „Schleimerei“ oder „Manipulation“ ist und unsere Kinder auf diese Art und Weise abhängig von Lob und Wertschätzung der Erwachsenen werden.

Aber stellen wir uns einmal vor, wir würden kein einziges Feedback an unsere Mitmenschen geben, egal ob Kinder oder Erwachsene.

Höchstens, wenn jemand einen Fehler macht. Denn das Schulsystem strebt ja nach „Perfektion“ – der perfekten Note etc.

Wie geht es wohl dann unseren SchülerInnen…?

Dass man zu viel und unspezifisch loben kann, glaube ich auch.

Es gibt immer irgendwo eine Grenze.

Aber wenn man über 30 Stunden pro Woche in einer Gruppe mit 25 anderen Menschen oder mehr verbringt, und nur z.B. einmal in 5 Tagen ein wirklich tolles Lob von der Lehrperson erhält, ist man garantiert motivierter, als wenn praktisch keine Beachtung geschenkt wird.

Es sind die Kleinigkeiten, welche unser Leben ausmachen.


Lob ist wie Dünger, welchen man auf dem Feld der Leistung ausstreut. Zu wenig lässt die Pflanzen kümmern, zu viel davon kann aber die Ernte verderben. Nur wohldosiertes, ehrliches Lob lässt Höchstleistungen spriessen.

Richard Vizethum, Head-Coach von A.R.T.-Leadership


Also, zieht los! Gebt regelmässig wertschätzendes und ehrliches Feedback bei all den Kleinigkeiten im Alltag, die wirklich nicht selbstverständlich sind und vergesst eines nicht – wenn es geht, oft zu dokumentieren 😉

Bonus Tipp

Um sich selber an das regelmässige “Positive Verstärken” zu erinnern, kann man sich ein System einrichten, das es für einen selbst tut, weil man im Schulalltag oft noch mit vielen anderen Aufgaben beschäftigt ist.

Ich persönlich habe z.B. in meinem Google-Kalender eine Erinnerung an jedem Montag Morgen, welche mir ein Email zukommen lässt mit der Notiz “Positive Einträge 5min,”, welche mich erinnert, ab und zu in den letzten 5min. einer Lektion mir kurz zu notieren, welche SchülerInnen gerade vorbildliches Verhalten gezeigt haben.

Dieses Mail lasse ich dann die ganze Woche “offen” in meinem Postfach, um mich zu erinnern.

Das kann natürlich genauso mit einem Post-It oder ähnlich gemacht werden – finde deinen eigenen Weg!


5min.-Challenge für dich

Bereite eine Tabelle oder ein anderes Dokument vor, in dem du schnell und jederzeit kleine Notizen zum Verhalten deiner SchülerInnen machen kannst. Richtige unbedingt zuerst die Spalte „Positives Verhalten“ und färbe sie z.B. hellgrün ein. Die andere Spalte kannst du z.B. „Verbesserungswürdiges“ nennen und mit einem feinen rot einfärben.

Pro Tag versuchst dann du z.B. an 5 SchülerInnen oder mehr kleines “Lob” oder wertschätzendes Feedback zu geben, dies schriftlich festzuhalten und ihnen kurz mündlich mitzuteilen. Richte dir dafür auch eine Erinnerung ein, welche dich z.B.einmal pro Woche daran erinnert.

Viel Erfolg!

Dein Davide


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Klassenklima und Unterrichtsstörungen in 7 Schritten meistern – Garantiert. (Teil 2 – Pingeligkeit und Konsequenz²)

Lesezeit: 5min.+

Klassenklima Schritt 2 – „Pingeligkeit“ & „Konsequenz²

Dieser Beitrag ist vor allem für Berufseinsteiger und für Lehrpersonen, welche sich schwierig damit tun, genug „streng“ und „konsequent“ zu sein.

Bevor du diesen Artikel liest – Sieh dir bitte nochmals das Eulen-Auge im Blog-Bild genauer an und lass es ca. 10 Sekunden auf dich wirken, um dann wirklich bereit für diesen Artikel zu sein… 😉

Vorwort

Im ersten Teil dieser Serie ist beschrieben, wie Unterrichtsregeln sinnvoll formuliert werden sollten (Link), um ein positives Klassenklima herzustellen.

Diese haben das Ziel, das Beste aus SchülerInnen zu hervorzuholen und gehen davon aus, dass in allen Menschen irgendwo das Potential steckt, „Gutes“ im Leben zu machen.

Nichtsdestotrotz gehört es zum Schulalltag, dass junge Menschen Grenzen austesten wollen. Es gehört zum natürlichen Prozess des Menschen, herausfinden zu wollen, wie weit man gehen kann und was man dabei erreichen kann.

Sei es, um eine Lehrperson nur ein wenig auf die Nerven zu gehen, oder ein Machtspiel zu spielen, oder weil man sich der Grenzen einfach gar nicht wirklich bewusst ist und so dazu lernt.

“Hör jetzt bitte auf…” oder “Das wirklich meine allerletzte Verwarnung…” sind klassische Aussagen von Berufseinsteigern oder Lehrpersonen, die zu „nett“ zu ihren SchülerInnen sind und sich dann verwundern, weshalb niemand richtig auf sie hört.

Kontrolle oder Vertrauen – Was ist besser?

Persönlich finde ich nach ein paar Jahren Erfahrung: Zu Beginn “Kontrolle” – Mit der Zeit “Vertrauen”.

Als Lehrperson möchte man das Gefühl von einer gewissen Kontrolle im Schulalltag haben, weil es Sicherheit und Gelassenheit gibt.

Aber was heisst “Kontrolle” genau? Kontrolle über die SchülerInnen? Das Erledigen der Aufgaben? Die Lautsärke im Zimmer? Kontrolle über das eigene Gemüt? Über die eigene Gelassenheit, selbst im Chaos?

Schlussendlich möchte man die Gesamtsituation „im Griff“ haben und dies bedeutet Kontrolle über mehrere Dinge haben zu müssen, aber in erster Linie – Kontrolle über sich selber zu haben.

Dafür sollen auch die persönlichen Erwartungen in die Regeln einfliessen, welche man den SchülerInnen kommuniziert.

Um die Ruhe im Sturm zu bewahren, braucht man verschiedene Komponenten, welche in diesem Artikel ein wenig besprochen werden, und über welche ich später mehr und mehr schreiben werde.

Für die Einhaltung der Regeln von Seiten der SchülerInnen kann man durch zwei Dinge Einfluss nehmen:

  1. Vorbeugung durch “Pingeligkeit”
  2. Geplante Reaktion auf Verstösse durch “Konsequenz²”.

1. Pingeligkeit – Vorbeugung zu Beginn

Es gibt kleine, kurze und relativ „strenge“ Aussagen, welche neue Klassen zu Beginn ein wenig erschrecken können. Sie zeigen, dass man als Lehrperson, besonders aufmerksam ist und durchgreifen kann, wenn man will.

Ruhig, wohlwollend aber äusserst bestimmt kann man als Lehrperson z.B. jederzeit sagen:

  • “Setz dich richtig hin.”
  • “Stell das auf den Boden.”
  • “Sieh mich an.”
  • „Konzentriere dich jetzt.“
  • “Wiederhole nochmals, was ich gerade gesagt habe.” usw.
  • auch ein längerer Händedruck mit gezieltem Augenkontakt etc.

Diese Art von Kommunikation kann stark vorbeugend für Störungen wirken, weil SchülerInnen merken, wie pingelig man als Lehrperson sein kann.

Sie trauen sich tendenziell weniger, wenn sie das Gefühl haben, von “Adleraugen” beobachtet zu werden (leicht ängstlich um gleich als kleiner Fisch an der Wasseroberfläche „gepackt“ zu werden, von den “scharfen Klauen des Adlers”, der stetig über der Klasse kreist… Ich übertreibe natürlich, aber du verstehst worauf ich hinaus will 😉 )

Eigentlich finde ich auch, passt das Bild einer Eule am besten zu einer Lehrperson mit Kontrolle über sich selbst und ihr Umfeld, wie im Blog-Bild gezeigt wird.

Die Eule strahlt Ruhe, Gelassenheit, Autorität, Genauigkeit und doch Zufriedenheit aus. So wie eine Lehrperson eine Klasse ständig im Auge haben kann, bei Bedarf zugreift und trotzdem eine ruhige und entspannte Seele ist.

Nun stellt sich trotzdem die grosse Frage, was man bei „Störsituationen“ tut.

2. Konsequenz² – Geplante Reaktion auf Störungen

“In meinem Lehrerstudium habe ich gelernt, dass man konsequent sein muss.”

Und trotzdem sind zu Beginn die meisten Lehrpersonen inkonsequent. Ich war es genauso bei meinem Berufseinstieg.

Es ist normal und es passiert fast allen. Inkonsequenz ist mit Abstand einer der grössten und klassischen Fehler (als Anfänger). Man kündigt Massnahmen an und führt sie aber nicht aus, oder einfach viel zu spät. Der angeblich “strenge Ruf” der Lehrperson wird so schwierig zu erreichen. Selbst Erfahrene tappen ab und zu wieder einmal in diese Falle, ich genauso manchmal.

Es gibt nur ein einziges Heilmittel dagegen, wenn sich SchülerInnen respektlos oder unangebracht verhalten :

  1. Eine einzige Verwarnung aussprechen (an die Regel erinnern).
  2. Beim zweiten Mal SOFORT die Konsequenz ziehen.
  3. Ende.
  4. Eiskalt.

Daher auch die Merkregel “Konsequenz²” (“Quadrat” für die Mathe-Lehrpersonen unter euch).

Man muss SOFORT reagieren und nicht “bitte, bitte” sagen. Das ruiniert dich möglicherweise selber.

Wer die Überwindung nicht findet, kann die 5-Sekunden-Regel anwenden. Sie funktioniert folgendermassen: Wenn man sich bei etwas unsicher ist, hält man kurz inne und überlegt, zählt auf 5 und nimmt die Sache sofort in Angriff.

Danach bauen sich zu viele innere Unsicherheiten auf und man kann es sein lassen. Die Chance ist praktisch weg…

SchülerInnen wollen unbewusst Konsequenzen erleben

Gerade junge Menschen wollen nicht nur Grenzen austesten, sie wollen schlussendlich die Sicherheit haben, sich auf jemanden verlassen zu können.

Sie sind noch im anfänglichen Wachstum und können sich noch nicht vollständig um sich selber kümmern.

Daher brauchen sie Eltern und Erwachsene, welche ihnen Sicherheit geben können. Sicherheit bedeutet nicht nur “Schutz”, es bedeutet auch eine “Wand” oder eine “Grenze”, welche ihnen aufzeigt, wenn sie anfangen, sich in “unsicheres” Gewässer zu begeben. Eine Wand, an die man genauso anlehnen kann und Halt gibt, statt nur zu begrenzen.

Daher ist eine konsequente Haltung gegenüber respektlosem Verhalten etc. nicht nur unabdingbar für Erwachsene, es ist absolut essentiell für die Entwicklung von jungen Menschen. Sollten sie im Wachstum nicht erleben, wenn sie Grenzen überschreiten, werden sie im Erwachsenenalter andere Grenzen überschreiten, welche zu viel grösseren Problemen führen können als ein schlechtes Zeugnis oder ein Elterngespräch. Dann kommen „echte“ Probleme ins Leben.

Daher kann man als Lehrperson eine absolut konsequente Haltung auch so betrachten, dass man SchülerInnen schlussendlich einen Gefallen tut, selbst wenn sie kurzfristig „sauer“ auf dich sind. Später werden sie dir dafür dankbar sein, auch wenn zum Konfliktzeitpunkt genau das Gegenteil scheint.

Weshalb sagen wohl so viele Erwachsene Dinge wie „mein bester Lehrer war auch der Strengste“ oder „während der Schulzeit habe ich sie/ihn gehasst, aber im Nachhinein bin ich ihr/ihm unglaublich dankbar“…?

Welche Konsequenzen funktionieren denn wirklich?

Nur um zum Thema Strafen kurz etwas vorwegzunehmen.

Strafen ist ein leidiges Thema, das aus meiner Erfahrung nur einen Teufelskreis kreiert und den Blick nicht auf langfristig erstrebenswerte Ziele richtet.

Strafen ist alles andere als lösungsorientiert.

Störungen durch SchülerInnen sind zu Beginn schon mal ein Symptom von irgendeiner Unzufriedenheit und eine Strafe wird nur noch unzufriedener machen. Die Lehrperson kann sich dann genervt fühlen, ein entstehender Konflikt schaukelt die ganze Situation hoch und am Schluss platzt noch die Bombe mit dem Entscheid von Nachsitzen und Strafen, wie Abschreiben von Texten usw.

Bestrafen ist, als würde man noch mehr Öl in ein brennendes Feuer giessen.

Dazu kommt noch, dass man als Lehrperson einen zusätzlichen Aufwand für die Strafe betreiben muss, sprich das Ganze organisieren und sich eine Arbeit überlegen muss, sogar noch länger in der Schule bleiben muss, um auf diese SchülerInnen aufzupassen, sprich sich nicht auf wichtigere Arbeiten konzentrieren zu können usw.

Es ist aus meiner persönlichen Sicht eine absolute „Lose-Lose-Situation“.

Ein Teufelskreis, aus dem man nicht herauskommt.

Deshalb bin ich der Meinung, dass man sich überlegen sollte, was denn das ENDZIEL mit unseren SchülerInnen sein sollte und sich dann auf diese Ziele konzentrieren – lösungsorientiert anstatt konfliktorientiert.

Viel sinnvoller sind meines Erachtens folgende Konsequenzen, wie z.B.

  1. Als Erstes an die Regel (oder den „gesunden Menschenverstand“) zu erinnern und nur ein Mal zu mahnen.
  2. Als zweite Massnahme noch während der Lektion die Schülerin oder den Schüler zur besseren Konzentration wegzusetzen, an einen anderen Tisch oder für eine Weile aus dem Klassenzimmer zu schicken (wenn möglich), mit der Anweisung wieder reinzukommen, wenn sie sich fähig fühlen, sich „zusammenzureissen“.
  3. Möglichst viel Verhalten der SchülerInnen schriftlich, kurz und bündig zu dokumentieren, denn Schriftliches ist viel wirksamer gegenüber Mündlichem. Es wird mündlich im Unterricht gesagt und direkt schriftlich aufgeschrieben. Es ist praktisch in Stein gemeisselt und dient als Grundlage für das folgende Zeugnis (selbst bei z.B. kurzen Stellvertretungen/Vikariaten können diese Infos einfach weitergereicht werden), z.B. „Kevin hat sich sehr angestrengt und gut mitgemacht oder „Sabrina hat MitschülerInnen mehrmals beim Lernen gestört und abgelenkt“ usw. Man sollte sich selber ein System einrichten, in welchem diese Notizen ganz schnell noch während der Lektion gemacht werden kann, wie eine Excel Tabelle oder etwas ähnliches. Es darf nicht viel Zeit kosten.
  4. Regelmässiges Informieren aller involvierten Parteien über diese Dokumentationen – Eltern, SchülerIn & weitere Mitarbeiter wie Lehrpersonen, die auch mit dem Schüler zu tun haben etc. Es braucht die Einrichtung eines einfachen und schnellen Systems, in welchem all diese Einträge zusammengefügt werden (Negatives & Positives – dazu auch in einem kommenden Kapitel mehr), wie z.B. auf einer Lehrer-Plattform wie z.B. „Escola“ (das Tool für unsere Schule) oder einfach in einem Excel-Dokument etc. SchülerInnen sehen nämlich immer wieder nach, was über sie drin steht – selbst wenn „Einträge“ mehrere Monate alt sind, was sie an „ihre Vergangenheit“ erinnert und die Eltern schlussendlich auch wieder zu sehen bekommen. Und am Schluss fliesst alles ins Zeugnis mit ein. Hier empfehle ich es wirklich nicht auf Papier zu schreiben, weil die Notizen per copy+paste sehr schnell an die Eltern gemailt werden können usw.

Das Dokumentieren von „positivem“ wie auch “negativem” Verhalten ermöglicht den langfristigen und zielorientierten Blick auf das Schulzeugnis.

Als Berufseinsteiger ist das wirklich nicht immer einfach, ich weiss. Aber je mehr man es übt, desto einfacher fällt einem alles mit der Zeit.

So tragen SchülerInnen schlussendlich selber die Verantwortung, was im Zeugnis über ihr Verhalten stehen wird. An die Kriterien des Zeugnis und damit die Unterrichtsregeln kann man sie regelmässig erinnern. (Die Eltern sind genauso mitverantwortlich. Dazu mehr im nächsten Kapitel dieser Serie.)

Extrem wichtig ist auch, dass man nichts, aber wirklich gar nichts, persönlich nimmt und Störungen rein sachlich versucht zu betrachten.

Wie das Bild eines Polizisten, der nun mal seine Aufgabe macht und den Strafzettel ohne Emotion und ohne Diskussion schreibt, wenn man mit dem Auto über rot gefahren ist. Es gibt nichts zu diskutieren, es wird nur die logische Folgerung gezogen.

Nur mit dem kleinen Unterschied, dass Polizisten kein Lob und Wertschätzung für positives Verhalten aussprechen – das müssen WIR Lehrpersonen unbedingt machen!

Übrigens erhalte ich inzwischen ab und zu „Danke“-Emails von Eltern als Antwort, wenn sie von mir wieder mal hören, was ihr Kind alles „gut“ macht. Genauso merke ich es meinen SchülerInnen an einem folgenden Tag an, wenn am zu Hause ein „negatives“ Email von mir besprochen wurde…


„Kindererziehung ist ein Beruf, wo man Zeit zu verlieren verstehen muss, um Zeit zu gewinnen.“

Jean-Jacques Rousseau

französischsprachiger Genfer Schriftsteller, Philosoph, Pädagoge, Naturforscher und Komponist der Aufklärung


Nun ein kurzer Abschnitt, welcher manche Lehrpersonen ein wenig erbosen könnte.

Manchmal kann es sich lohnen, Konsequenzen vor der ganzen Klassen zu ziehen, um “ein Exempel zu statuieren”. Solange man niemanden “fertig macht” und es nicht persönlich wird, finde ich es persönlich als Lehrperson sehr hilfreich. Es soll die rein logische Folgerung sein von einem „Fehlverhalten“.

Die betroffene Schülerin oder der betroffene Schüler mag zwar in diesem Moment im Scheinwerferlicht stehen, aber solange man als Lehrperson nicht abwertend wird, finde ich es ein sehr hilfreiches Werkzeug, um Ruhe in den restlichen Unterricht zu bringen. Es ist eine soziale Bestätigung – Wenn ich mich genauso verhalte, werde ich die gleichen Konsequenzen erleben müssen. Und schliesslich ist der Störenfried selber verantwortlich für sein/ihr Verhalten.

Damit mich niemand falsch versteht – Ich persönlich glaube, behaupten zu dürfen, eine insgesamt sehr harmonische Beziehung zu meine SchülerInnen zu haben. Ich freue mich täglich, sie zu sehen und die meisten freuen sich genauso, mich wieder zu sehen. Jedoch gibt es einzelne – selbst die, die ich wirklich „mag“ – , welche es trotzdem immer irgendwie schaffen, dass dessen Eltern wöchentlich kurze Emails von mir mit “negativen” Beobachtungen erhalten.

Dies natürlich nebst regelmässigen positiven Beobachtungen, welche genauso als Mail versendet werden. Aber wer seine Grenzen ständig überschreitet, muss mit den Konsequenzen leben können. Schliesslich wurden sie genügend informiert und gewarnt.

(Wem diese Taktik unwohl ist, kann SchülerInnen z.B. auch 1min. vor die Türe nehmen und kurz das Gespräch suchen. Nur riskiert man damit mehr Unruhe und Zeitverlust im Unterricht.)

Kommen wir zum Schluss

Je konsequenter, strenger und “härter” man anfänglich ist, desto eher kann man mit der Zeit “entspannen” und den SchülerInnen mehr Freiheiten gewähren. Umgekehrt wird es sehr schwierig. Daher bin ich persönlich der Meinung – zuerst “Kontrolle”, und mit der Zeit “Vertrauen”. Deshalb bin ich mit der Zeit auch immer “netter” zu meinen SchülerInnen. Trotzdem trifft hier die Redewendung “Der erste und der letzte Eindruck zählen am meisten”, sprich die “Pingeligkeit” und die “Konsequenz²”, welche du sehr, sehr erst nehmen solltest.

Bonus Tipps

  1. Einen geübter “Killerblick” mit aufgerissenen Augen und offenen Nasenflügel wie ein schnaubender Bulle oder eine grosse Eule kann bewirken, dass SchülerInnen erschrecken und verstummen. Oder sie fangen an zu lachen, weil es so übertrieben ist und schlussendlich mit halb-ernstem Humor eine kleine Störung abgefangen wird…
  2. Ist eine Konfliktsituation mit besonders viel “Energie geladen”, lohnt es sich, ein paar Stunden später das Gespräch zu suchen, wenn sich alles beruhigt hat und die Schülerin/der Schüler runtergefahren ist. (Du solltest wenn möglich gar nie “hochgehen” oder etwas persönlich nehmen – Nur eiskalt bleiben und die logisch folgende Konsequenz ziehen.)

5min.-Challenge für dich:

Schreibe in ein paar Sätzen auf, welche Konsequenz du als nächstes ziehen willst, wenn sich SchülerInnen respektlos etc. verhalten. Notiere dir, welchen Schritt du genau gehen musst, um deinen Plan umsetzen zu können. Und dann tu es auch wirklich! (Das Dokumentieren von positivem Verhalten kannst du dir für später sparen – wenn es um das Kapitel dieser Serie „Positives Verhalten fördern“ geht.) Viel Erfolg!


Buchempfehlungen zu „Autorität und Konsequenz“

1) Stärke statt Macht: Neue Autorität in Familie, Schule und Gemeinde von Prof. Dr. phil. Haim Omer

sowie

2) „Neue Autorität“ in der Schule – Präsenz und Beziehung im Schulalltag (Spickzettel für Lehrer) von Psychologe Martin Lemme und Bruno Körner

geben einen vertieften Einblick in die Thematik der Autoritätsfrage als Erwachsene. Sie können Eltern sowie Lehrpersonen mit klaren Strategien und Konzepten helfen, die eigene Rolle gegenüber jungen Menschen und lösungsorientierte Vorgehensweisen zu finden.


Vorschau Teil 3

Im dritten Teil dieser Serie wird es um einen der allerwichtigsten Komponenten im Schulalltag gehen: Eine gute Zusammenarbeit mit den Eltern und wie diese erreicht werden kann. Bleibt gespannt!


Photo Credit:

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P.S. Mein Versprechen und Angebot aus Teil 1 gilt immer noch!

Lehrer-Stress “im Büro” bis zu 100% reduzieren – Zeit gewinnen – GAP Konzept

Lesezeit – 5min.

Liebe Leserin, Lieber Leser

Es freut mich, dass du dir die Zeit nimmst, diesen Artikel zu lesen. Er könnte deinen Arbeitsalltag grundlegend verbessern.

Hast du bereits ähnliche Vorgehensweisen bei der langfristigen Planung deiner Arbeit wie in diesem Artikel beschrieben wird, wirst du trotzdem von dem einen oder anderen Tipp profitieren können.

(Übrigens kann das hier vorgestellte Planungsinstrument natürlich auch für kurzfristige Stellvertretungen/Vikariate eingesetzt werden – es geht nur um eine Grundidee.)


Hinweis

Nachdem Teil 1 der Serie Meistern von Klassenklima und Unterrichtsstörungen – Regeln wirksam formulieren (Link) veröffentlicht wurde, wäre eigentlich zuerst Teil 2 von Klassenklima – Wirklich konsequent sein geplant gewesen. Weil aber die SchülerInnen nun in den Ferien sind (und Lehrpersonen eigentlich auch), publiziere ich diesen zweiten Teil erst später, wenn der Schulbeginn im neuen Jahr bevorsteht. Schliesslich sollte man neu gelernte Dinge sofort umsetzen, weil das Gehirn schnell vergisst…

Daher ist der Entscheid für einen Artikel gefallen, ein sinnvolles Werkzeug für die effiziente Nutzung der Zeit in den Schulferien zur Unterrichtsvorbereitung etc. vorzustellen, das du sofort anwenden kannst.


Lehrer-Stress und Burnout: Ein allgegenwärtiges Thema

In diesem Beitrag geht es um die Vorbeugung von Stress, der hauptsächlich betreffend in der “unterrichtsfreien Zeit” entsteht, sprich administrative “Büro-Arbeiten”, welche sich manchmal in ungünstigen Situationen gleichzeitig häufen und Lehrpersonen im Schullalltag überwältigen können.

Lehrpersonen haben enorm viel Büro-/Verwaltungsarbeit nebst dem eigentlichen Unterricht, wie z.B. regelmässig 20-30 Hefter von SchülerInnen zu korrigieren, um nur eines von vielen Beispielen zu nennen. Um eine sinnvolle Organisation solcher Pendenzen wird es in diesem Beitrag gehen.

Büro-Stress oder Schüler-Stress?

Es geht in diesem Beitrag nicht um Situationen im Unterricht (z.B. entspannt bei Konflikten bleiben etc.), auch wenn sich natürlich ein bessere Unterrichtsqualität der Lehrperson zeigt, wenn “hinter der Bühne”, sprich ausserhalb des Unterrichts, das Meiste nach Plan läuft und die Lehrperson dadurch gelassener ist.

Wenn Lehrpersonen die Sicherheit haben, dass man zeitlich mit allen anstehenden Arbeiten gut nachkommt, kann man bessere Leistungen im Schulalltag erbringen. Das ist ein Ziel dieses Beitrags.

Die Vorbeugung von Stress ist nur das erste Ziel des hier vorgestellten Werkzeuges. Das Hauptziel ist schlussendlich, dass man als Lehrperson in volle Kontrolle des eigenen Schulalltags kommt und sich täglich auf das konzentrieren kann, was man zum entsprechenden Zeitpunkt für wirklich wichtig hält.

Es soll einem die Möglichkeit bieten, den Schulalltag flexibler zu gestalten und die Freiheit geben, relativ spontan zu entscheiden, was man gerade für Pendenzen in Angriff nehmen will. Setzt man diese Strategie sinnvoll um, gibt einem dieses Werkzeug sogar die Option mal einen freien Halbtag in Anspruch zu nehmen kann, wenn man den Wunsch nach Erholung verspürt, weil man im Stundenplan an einem Vormittag oder Nachmittag keine Lektionen hat.

Welche Lehrperson kennt solche Situationen nicht?

Während einem Schulsemester erlebt man wegen der zunehmenden Menge von Arbeiten immer wieder mal enormen Stress und kämpft mit einem sich häufenden Berg von To-Do’s auf dem Schreibtisch, der mehr zu wachsen als zu schrumpfen scheint, obwohl man ständig dran bleibt.

Das Problem ist, dass sich gleichzeitig viele und grosse Pendenzen auf einmal stauen und man sie alle am gleichen Tag oder in der gleichen Woche bearbeiten will. Prüfungskorrekturen, Elterngespräche, weitere Unterrichtsvorbereitung usw. sind ein paar klassische Beispiele.

Das Resultat ist, dass man nach vielen, anstrengenden Stunden Unterricht abends noch all diese Aufgaben vor sich hat, obwohl man bereits von 8 Stunden Unterricht “kaputt” ist.

Eine Option besteht darin, einen Teil des Wochenende herzugeben, oder sogar das ganze Wochenende aufzuopfern, um dann natürlich “erholt” am Montag wieder frisch und munter in die neue Woche zu starten. Wers glaubt, wird selig…

Solche Situationen können enorm viel Stress auslösen.

Es fühlt sich an, als hätte man keine Kontrolle über die eigene Situation.

Man hat das Gefühl, wahnsinnig zu werden.

Dabei ist ein gewisses Mass an Kontrolle eine der allerwichtigsten Komponenten, welche Menschen brauchen, um sich im Beruf wirklich entfalten zu können.

Weshalb konnte es nur soweit kommen?

Es gibt unterschiedliche Varianten, wie ein solcher “Schul-GAU” entstehen kann.

Jede Lehrperson hat ihre eigenen Arbeitsstrategien und die meisten sind bestrebt, ihre Vorgehensweisen stetig zu verbessern, damit sie effizienter werden und die Arbeit qualitativer gestalten können.

Was ein wesentlicher Grund für einen Stau von grossen Pendenzen sein kann, ist, dass keine vorgängige, langfristige und vollständige Planung eines ganzen Semesters (über mehrere Wochen und Monate) gemacht wurde, welche dann auch möglichst strikt eingehalten wird, wie z.B. das Einhalten von Prüfungsterminen und die darauffolgende Korrektur einer der Prüfung, welche einige Stunden kosten kann.

Weshalb sieht man wohl ständig Lehrpersonen im Bus und Zug an der Korrektur von Schulprüfungen…?

Was beinhaltet eine „langfristige und vollständige Planung eines ganzen Semesters“?

Viele Lehrpersonen (vor allem Berufseinsteiger) planen den eigenen Unterricht meist ein paar Tage, vielleicht einige Wochen im Voraus.

Diese Art von Planung birgt die grosse Gefahr, dass man keine Gesamtübersicht über alle Fächer, Klassen etc. über die langfristige Perspektive hat und plötzlich in eine Situation gerät, in welcher sich ganz viele Arbeiten gleichzeitig stauen.

Z.B. eine Woche in der gleichzeitig eine grosse Lehrer-Konferenz stattfindet, 10 Elterngespräche gemacht werden müssen und noch zwei Stapel Prüfungen auf dem Tisch auf ihre Korrektur warten usw.

All das nebst dem Unterricht, den man vielleicht noch gar nicht vollständig vorbereitet hat.

(Bei meiner allerersten Stelle während dem Studium habe ich genau nur die allererste Schulwoche geplant. In den folgenden 3 Monaten hatte ich meine ersten „Lehrer-Krisen“ und überlegte mir schon dann das Studium abzubrechen. Zum Glück habe ich danach Zeit und Distanz gefunden, um über meine Fehler nachzudenken.)

Und obendrein noch…

“Ideal”, dass diese Arbeiten auch noch höchste Konzentration verlangen, obwohl man am Ende des Tages schon vom Unterricht und den SchülerInnen selber völlig erschöpft ist. Schliesslich will man keine weiteren Diskussionen mit SchülerInnen führen, weil man z.B. Prüfungen fehlerhaft korrigiert und beurteilt hat etc., sondern man muss die Energie und den Fokus für solche wichtige Arbeiten haben.

Es stellt sich also die Frage:

  • Wie kann ein solcher Pendenzen-Stau möglichst verhindert werden?

Achtung, liebe Rechtschreib- & Etymologie-Freaks. Jetzt kommt ein von mir erfundener Begriff. Bitte nicht böse sein:

Hiermit möchte ich das der Gross-Arbeiten vorstellen.

Was sind „Gross-Arbeiten“?

Die Idee ist eigentlich ganz einfach. Als Lehrperson stellt man einen kurzen 6-Monate-Plan zusammen, der alle grösseren Arbeiten aufzeigt, die je z.B. 2-6 Stunden oder mehr höchst konzentrierte Arbeit bedeuten wie Elterngespräche führen, Prüfungen korrigieren, Zeugnisse schreiben, Projekte planen etc. Das sind die Gross-Arbeiten während 6 Monaten Schule.

Wer lieber will, kann auch z.B. nur 3 Monate planen. Aber ich empfehle 6 Monate, weil dann die Planung meist von Zeugnis zu Zeugnis stattfindet. Ausserdem zwingt, sich auf die wirklich wichtigen Arbeiten zu konzentrieren und ich nicht zu viele (weniger wichtige) Dinge zu planen, da man die Übersicht behalten will und dies mit mehreren Seiten Planung nicht mehr möglich ist. Dies entspricht auch eher der Idee der 80/20-Regel (Pareto), wie im allerersten Blog-Artikel beschrieben wird (Link).

Diese 6-Monate-Übersicht soll mit einer kleinen Tabelle dargestellt werden, welche nur die Kalenderwochen darstellt und keine Details von allen möglichen kleinen Terminen zeigt, wie Schulanlässe, Weiterbildungen, kleine Events etc. Es gehören wirklich nur die Arbeiten dazu, die mehrere Stunden dauern und höchste Konzentration verlangen.

Ziel wäre, dass man diese Planung auf maximal eine A4-Seite bringt.

Übrigens: „gap“ (engl.) = Abstand / Zwischenraum, im Sinne des Zeitfensters von Zeugnis zu Zeugnis. Daher das „GAP-Konzept„. Man könnte es auch „Gesamt-Arbeits-Plan“ nennen.

Anleitung für die Erstellung eines persönlichen 6-Monate-GAP:

  1. Erstellung einer simplen Tabelle mit z.B. 2 Spalten und ca. 25 Zeilen. Ein Bild/Screenshot eines Beispiels wird weiter unten zu sehen sein.
  2. Einfügen der Kalenderwochen in der ersten Spalte von z.B. KW 1 bis KW 26 – Neujahr bis Sommerferien, oder Sommer bis Weihnachten.
  3. Eintragen der Schulferien (Wir Lehrpersonen haben ja soooo viele Ferien, nicht wahr…?). Das sind Zeitfenster, in denen man mehrere Tage verschiedene Projekte angehen und den nächsten Unterricht planen kann etc. (Ich persönlich markiere diese Zeilen grau zur Übersicht).
  4. Festhalten der Zeugnis-/Notenabgabe am Ende des Semesters – Hier die letzten 2-3 Wochen möglichst davor schützen, dass nicht alle Prüfungen usw. dann stattfinden, damit kein End-Semester-Super-GAU entsteht.
  5. Separate Auflistung aller Prüfungen, Unterrichtsprojekte, geplanten Elterngespräche usw. – Dies sind deine persönlichen “Gross-Arbeiten”.
  6. Gleichmässige und für dich sinnvolle Verteilung aller Gross-Arbeiten auf alle Kalenderwochen in den 6 Monaten. Beachte dabei, in welche Abstand die Prüfungen stattfinden, sprich wie viele Lektionen ein Thema jeweils zur Bearbeitung mit der Klasse benötigt. Wenn möglich, maximal 1-2 Gross-Arbeiten pro Woche einplanen, alles andere ist zu viel.
  7. Anpassungen und Verschiebungen der Termine, wenn sich zu viele deiner “Gross-Arbeiten” in einzelnen Kalenderwochen stauen. Ich persönlich habe entschieden, eine einzelne Kalenderwoche mit nur einer bis maximal zwei Gross-Arbeiten zu füllen. Und dazwischen gibt es wenn möglich “freie” Kalenderwochen, die einen Pufferbereich darstellen oder mir eine Verschnaufpause vom Schulalltag ermöglichen, wenn ich es will.
  8. 2-3 Mal ausdrucken und bei deinem Büro-Tisch aufhängen, in die Agenda vorne kleben usw. Die Gross-Arbeiten können dann z.B. als einzelne Post-Its in die entsprechenden Kalenderwochen geklebt werden, auch für den Fall, dass etwas doch mal verschoben werden muss und das Post-It nur umgeklebt werden kann. (Ich führe nur noch eine digitale Agenda und schreibe somit die Zeitfenster auch in die vorgesehenen “unterrichtsfreien Zeiten”)

Dein Resultat

Nun hast du eine Übersicht, was du alles in 6 Monaten an wirklich wichtigen Dingen erreichen willst. Wenn du dich selber gut kennst, kannst du jetzt bereits sagen, ob du etwas abstreichen musst, weil es evtl. zu viele Gross-Arbeiten sind.

Dieser Gross-Arbeiten-Plan ist nun der rote Faden für dein Semester und leitet dich wie ein „GPS“ durch die Wochen und Monate. Auf diese Art und Weise, weisst du für jede Kalenderwoche schon im Voraus, ob du z.B. an einem unterrichtsfreien Nachmittag die Korrektur eine grossen Prüfung etc. als absolute Priorität hast. Alles andere sind dann nur noch Kleinigkeiten und sekundär. Und du kannst im Voraus Aufgaben verschieben, wenn nötig etc.


For every minute spent in organizing, an hour is earned.

– Benjamin Franklin


Hier noch ein paar weitere, praktische Tipps zur 6-Monate-Planung:

  • Wie bereits erwähnt – Pro Woche ein bis max. zwei Gross-Arbeiten einplanen!
  • Keine “halb-wichtigen” Arbeiten aufschreiben, wirklich nur die absoluten “Kern-Gross-Arbeiten”. Sonst ist die 6-Monate-Planung evtl. mit unnötigen Kleinigkeiten überfüllt.
  • Prüfungstermine möglichst nie verschieben, lieber mal ein Lernziel abstreichen, damit kein weiterer Pendenzen-Stau entsteht. Selbst wenn die SchülerInnen darum betteln…
  • Elterngespräche zwischen 15 bis max. 30min halten, um mit 25 SchülerInnen zeitlich durchzukommen (20min. ist eine gute Faustregel und zwingt bei Vorankündigung alle Gesprächs-Parteien effizienter zum Punkt zu kommen).
  • Immer wieder “Pufferzonen” in den Wochen und einzelnen Tagen offen haben, um flexibel spontane Anpassungen machen zu können.
  • Aus diesem Plan kann direkt der Prüfungsplan für die SchülerInnen erstellt werden und anfangs Semester bekanntgegeben werden, so hast du zwei Fliegen mit einer Klatsche erwischt.

Beispiel eines Gross-Arbeiten-Semesterplans

Hier das Bild vom meinem letzten Halbjahr als Beispiel:

 

https://docs.google.com/document/d/1Pe1v3jZu6JZAw7ySD7P0Nx7Rjv9qPQyFONEJVnABM_g/edit?usp=sharing

Quelle – Davide Carls


So, das war’s!

Eine kleine Challenge für dich

Schreibe einen persönlichen 6-Monate-Plan mit all deinen Gross-Arbeiten, welche du in Angriff nehmen willst, indem du deine Fächer, Schuljahresplan etc. langfristig überblickst. Folge dafür der Anleitung mit der Freiheit, selber zu wählen, wie du genau vorgehst. Die Anleitung in diesem Artikel ist nur eine von vielen Möglichkeiten. Wichtig für alle ist trotzdem – Nicht zu viel! Reduzieren! Max. 1-A4-Seite.

(Wenn du magst, poste einen Screenshot deines Resultats als Kommentar auf der Facebook-Seite für andere, um von deinen Ideen zu lernen.)


Zeitmanagement-Buchempfehlung

In seinem Buch Noch mehr Zeit für das Wesentliche: Zeitmanagement neu entdecken erklärt Prof. Dr. Lothar Seiwert (Link), einer der erfolgreichsten Zeitmanagement-Coaches Deutschlands, was jenseits des Alltagsstress im Leben wirklich wichtig ist und wie wir mit unserer Zeit umgehen können, um ein erfüllteres Leben mit Glück und Gelassenheit führen zu können, indem man seine Tools und Techniken adaptiert. Das Buch ist eine wahre “Zeit-Goldmine”!

(Wer sich immer noch vor dem Begriff “Zeitmanagement” sträubt, für den habe ich zwei simple Fragen – Was hast du zu verlieren, dich mit dem Thema trotzdem auseinanderzusetzen, und welche Chancen könnten sich für dein Leben ergeben, über das Thema mehr zu lernen?)

Stress-Buchempfehlung

Wen dieses Thema grundsätzlich betrifft oder interessiert, dem kann ich von Dr. Gert Kaluza Gelassen und sicher im Stress empfehlen. Mir hat es die Augen über meine eigenen Erwartungen geöffnet und ein paar sehr hilfreiche Werkzeuge für meine Arbeit und mein Privatleben gegeben. Ausserdem lernt man, wie Stress physisch entsteht und wie Stress evolutionär entstanden ist, was einem auch hilft, sich von stressigen Zuständen zu distanzieren, weil man den Hintergrund von Stress besser versteht. Das Gefühl von Stress kommt seither deutlich weniger auf, einerseits, weil ich die nötigen Vorkehrungen treffe und andererseits, weil mir das Buch funktionierende Strategien gegeben hat, um allenfalls auftretenden Stress schnell zu eliminieren.


P.S. Wer “keine Zeit” oder einfach keine Lust hat, regelmässig Bücher zu lesen und sich selber weiterzubilden, sollte sich vielleicht mal fragen, ob es wirklich an der Zeit liegt, oder, ob man den enormen Wert und die Selbstentwicklung beim Lesen noch zu wenig erkannt hat. Knowledge is power.

Zeit ist das, was man an der Uhr abliest – Albert Einstein

Mehr nicht!

Viel Erfolg wünsche ich euch allen bei langfristiger und nachhaltiger Unterrichtsvorbereitung – ohne Stress 😉

Euer Davide


 

Update vom 28.12.2017

Als weiteres Beispiel mein kommender GAP 2018 (bitte beachten, dass ich verschiedene Klassen in verschiedenen Fächern unterrichte):

6-Monate-GAP FS2018 Davide Carls.jpg

Link PDF – https://drive.google.com/open?id=1JWLb08b-farwj98G9fybGAUOnPXlbARw 

 


Photo-Credit: https://www.pexels.com/photo/blonde-hair-blur-daylight-environment-214574/

Klassenklima und Unterrichtsstörungen in 7 Schritten meistern – Garantiert. (Teil 1 – Sinnvolle Regeln)

Lesezeit: 5min.


Serie in 7 Teilen

Das äusserst wichtige Thema Klassenklima wird als Serie in 7 Teilen publiziert.

Jeweils ein- oder zweimal pro Woche wird der nächste Schritt erscheinen.

Der Grund ist, dass dieses Thema nicht über Nacht bewältigt werden kann. So können LeserInnen pro Woche jeweils einen oder zwei Schritte in Angriff nehmen.

Wer eher der Typ ist, der trotzdem alles auf einmal erarbeiten will und sich genügend Zeit dafür nehmen kann, darf sich gerne über das Kontaktformular bei mir melden. Dann würde ich alle 7 Schritte per Mail schicken. Bedingung ist aber, dass man den ersten Schritt zuerst erarbeitet hat.

Ansonsten werden alle 7 Teile am Schluss nochmals als Gesamtartikel publiziert, ca. Anfangs Januar 2018.


Mein Versprechen für dein Klassenklima

Liebe Lehrerinnen- und Lehrer-Freunde

Mit diesem Artikel begehe ich ein Wagnis.

Ich gebe hiermit das Versprechen jeder Lehrperson, die Klassenklima-Probleme hat, die meisten ihrer Herausforderungen mit den hier vorgestellten Werkzeugen (7 Schritten) lösen kann.

Für alle Probleme kann ich es nicht versprechen, denn es gibt keine fixe Anleitung, welche auf jedes Problem angewendet werden könnte.

Es geht um grundsätzliche Prinzipien, welche man als Lehrperson anwenden kann. Im Grunde genommen sind es bereits bekannte Inhalte, nur hapert es manchmal an der konkreten Umsetzung.

Dafür will ich nun Abhilfe schaffen.

Voraussetzung für den Erfolg ist, sich ernsthaft mit den Inhalten zu befassen, sich die Zeit für Planung zu nehmen (während mind. 4-6 Wochen) und die 7 Schritte tatsächlich umzusetzen.

Ernsthafte Umsetzung bedeutet:

  1. Einen eigenen Plan auf Papier zu bringen.
  2. Täglich und wöchentlich diese Werkzeuge anzuwenden und zu üben.
  3. Selber wöchentlich zu evaluieren, was genau funktioniert und was nicht.

(Jetzt wäre der Zeitpunkt, den Notizblock hervor zu nehmen, wenn du es noch nicht getan hast.)

Wer es mit diesen 7 Schritten trotzdem nicht schaffen sollte, bestimmte Erfolge zu verbuchen, bin ich bereit per Email oder Skype auf Freiwilligenbasis zu coachen und beraten. Über das Kontaktformular kann man mir eine Nachricht schicken.

Wer das Gefühl hat, keine Zeit für das Thema Klassenklima zu haben, sich aber darüber beklagt, muss anfangen umzudenken. Man muss überlegen, wo man sich Zeit verschaffen könnte.

Verzichte ich mal auf eine Arbeit im Büro, die vielleicht gar nicht so wichtig ist? Scrolle ich mal nicht eine halbe Stunde lang auf Facebook oder Instagram herum? Oder verzichte ich mal meine nächste Netflix-Lieblings-Serie? Stehe ich am Samstag Morgen mal eine Stunde früher auf als normal?

Zeit hat im Grunde genommen jeder Mensch genügend. Es ist nur die Frage, wofür man sich Zeit nimmt und wofür nicht.

Eins kann ich jetzt schon verraten – Wer sich heute die Zeit für eine ernsthafte Umsetzung von Klassenklima-Werkzeugen nimmt, wird in Zukunft das hundertfache an Zeit gewinnen, weil das Klassenklima besser funktioniert (und man so weniger Kopfschmerzen produziert).

Viel Spass beim Lesen & Viel Erfolg bei der Umsetzung!

Euer Davide


Prolog

Klassenklima – Der Beginn sowohl auch das Ende

Das Thema “Klassenklima” ist der Berufsanfang für viele Lehrpersonen – Eine Herausforderung, an der man mächtig wachsen kann.

Für einige bedeutet es leider schnell einmal das Ende des Lehrberufs.

Störende SchülerInnen und laute Klassenzimmer etc. gehören zu den meistgenannten Gründen für den Ausstieg von bis zu 20% aller Berufseinsteigenden innerhalb der ersten wenigen Berufsjahren (z.B. in der Schweiz).

Das ist nicht gerade förderlich, wenn man bedenkt, wie viele andere Aufgaben Lehrpersonen im Schulalltag gleichzeitig bewältigen müssen. Genügend Zeit für Erholung gestaltet sich dabei manchmal sehr schwierig.

Selbst ich als langjähriger Leiter in einem Pfadfinder-Verein und eigentlich viel Erfahrung mit der Führung von Menschengruppen und Jugendlichen, habe bzgl. Klassenklima einen harzigen Berufseinstieg erlebt.

Auch ich hatte mehrmals Gedanken, den Beruf noch während dem Studium “hinzuschmeissen”, aufgrund erster Erfahrungen als Stellvertreter.

Nothing Is Impossible.

Es gibt viel Arbeit zu tun, das kann ich vor allem Berufseinsteigenden jetzt schon sagen, aber es lohnt sich.

Hat man einmal die notwendigen Werkzeuge installiert, fängt der Beruf an richtig Spass zu machen. Selbst wenn es zwischendurch wieder mal “knallt”.

Also.

Die schlechte Nachricht ist

Es wird nicht leicht. Stress, Schwierigkeiten und kreisende Gedanken (oder sogar schlaflose Nächte) sind möglich, wenn du das sowieso nicht schon hast.

Die gute Nachricht ist

Jede Lehrerin und jeder Lehrer kann es schaffen. Es gibt Werkzeuge, die jeder Mensch lernen und für sich im Alltag anwenden kann.


Alle Hindernisse und Schwierigkeiten sind Stufen, auf denen wir in die Höhe steigen.

– Friedrich Wilhelm Nietzsche


Mein Geständnis

Nur um etwas klarzustellen:

Ich bin kein perfekter Lehrer und habe selber schon einige schlimme Situationen erlebt, die mich in meiner Berufswahl kurzfristig entmutigt haben z.B.:

  • Klassen, die unaufhörlich schwatzten und nicht auf mich hörten.
  • Besonders freche und vorlaute SchülerInnen.
  • SchülerInnen, denen “alles scheissegal” war.
  • SchülerInnen, die 5 Zentimeter vor mir standen und mir ins Gesicht geschrien haben (obwohl ich 1.92m gross bin).
  • usw.

Heute passiert mir das nicht mehr (sagen wir mal – selten), weil ich aus meinen Fehlern gelernt habe.

Meine SchülerInnen kennen mich und wissen wo die Grenzen liegen. Sie kommen gerne zu mir in den Unterricht und wissen aber, dass mein Tonfall sich rasant verändern kann, wenn man sich in irgendeiner Weise respektlos verhält.

Trotzdem muss ich weiterhin täglich an einem positiven Klassenklima arbeiten und stets am Ball bleiben.

Yes, we can

Der Anfang ist am schwierigsten. Aber wenn der Ball einmal ins Rollen gekommen ist, hat man so viel Momentum aufgebaut, dass man praktisch nicht mehr aus der Bahn geworfen werden kann.

Mit der Zeit entwickelt man das Feingefühl dafür, bei welchen Störungen man wie reagieren will.

Für Anfänger gilt – Sich Zeit lassen, um die eigenen Strategien zu entwickeln und die Rolle als Autorität zu finden. Das kann einige Wochen oder Monate dauern. Und es wird Vieles in die Hose gehen, das gehört einfach dazu. Mit der Zeit wird sich aber alles einspielen, wenn man am Ball bleibt.

Hinweise

Obwohl ich persönlich glaube, dass eine gute Beziehung zu SchülerInnen DER Schlüssel zu einem positiven Klassenklima ist, müssen zuerst mal grundlegende Werkzeuge implementiert werden. Daher wird das Thema Beziehung später folgen.

Zusätzlich möchte ich darauf hinweisen, dass diese 7 Schritte keine Methodik oder Didaktik enthalten, wie z.B. die Überbrückung von unterbeschäftigten SchülerInnen etc. Dazu werde ich später mal etwas schreiben. Hier geht es rein um disziplinarische und pädagogische Werkzeuge.

Gemäss der 80/20 oder Pareto-Regel aus dem ersten Artikel versuche ich die einzelnen Schritte so kompakt und informationsreich wie möglich zu gestalten. Wenn jemand trotzdem Unklarheiten erlebt, freue ich mich über spezifische Fragen zu den einzelnen 7 Schritten.


Klassenklima Schritt 1 – Regeln und Erwartungen wirksam formulieren

Dass Regeln und Erwartungen Grundlagen sind und der Klasse kommuniziert oder gemeinsam erarbeitet werden müssen, sollte klar sein. Beachten sollte man aber zusätzlich, dass die Regeln

  1. Übersichtlich und begrenzt sind, z.B. max 3-5 Regeln herrschen. Niemand will sich 10 Regeln merken. Der Rest sollte GMV sein – Gesunder Menschenverstand.
  2. Zielorientiert und positiv formuliert sind. (Bsp. “Es spricht immer nur eine Person – aus Respekt” anstatt “Man schwatzt niemandem rein” etc.)
  3. Handschriftlich unterschrieben werden von den SchülerInnen. Dokumentation ist immer hilfreich als Gesprächsgrundlage. (Bsp. als “Vertrag” oder Plakat)
  4. Präsenz im Schulalltag haben, sprich das Einhalten gelobt wird und bei Nicht-Einhalten Konsequenzen folgen (mehr dazu in den folgenden Schritten).

5min.-Challenge für dich:

Überprüfe deine bisherigen Unterrichtsregeln und Erwartungen anhand der vorigen Kriterien. Passe sie an, wenn nötig und nimm dir in der nächsten Lektion fünf oder zehn Minuten Zeit, um sie der Klasse transparent zu machen.

Bonus-Regel “Verstumm-Regel”

Hier noch ein kleiner Tipp mit einer Regel aus meinem persönlichen Schulalltag.

Eigentlich stammt sie noch aus meiner Pfadfinder-Zeit, aber es hat sich sehr bewährt, als ich sie im Unterricht eingeführt habe.

Man bringt den SchülerInnen bei, eine bestimmte Geste mit der Hand zu machen und gleichzeitig aufhören zu sprechen, wenn es die Lehrperson vormacht. Beispielsweise den Zeigefinger auf die Lippen drücken oder die Hand hoch in die Luft strecken. Man wartet solange, bis die allerletzte Person aufgehört hat zu sprechen und bedankt sich dann bei den SchülerInnen für ihre Aufmerksamkeit. Das dauert in der Regel 10-20 Sekunden. Es hat den immensen Vorteil, dass man seine Stimme gar nicht mehr einsetzen muss, um eine grosse und laute Klasse zur Ruhe zu bringen. Je grösser die Gruppe, desto hilfreicher diese Regel. Danke, Nonverbale Kommunikation! (Die ersten paar Male mögen komisch sein, doch es wird schnell zu einer gewohnten Routine.)

Viel Erfolg bei der Umsetzung!

Bis bald und Danke fürs Lesen 😉

Euer Davide


Vorschau zu Klassenklima Schritt 2

Wie man wirklich konsequent wird…


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Was grossartige Lehrpersonen anders machen – Die 80/20 Regel

Lesezeit: 3min.

Lehrerin oder Lehrer sein ist eine echte Herausforderung, auch wenn der Beruf enorm erfüllend sein kann. Es gibt wahrscheinlich wenig, was genauso Freude macht, wie mit jungen, lebendigen Menschen zu arbeiten und gemeinsam Projekte anzugehen.

Der Lehrberuf beinhaltet eine grosse Menge von unterschiedlichsten Aufgaben wie Unterricht vorbereiten, durchführen & nachbereiten, Prüfungen schreiben, korrigieren & beurteilen, Zeugnisse zusammenstellen, Klassenklima pflegen, Lernende motivieren, Störsituationen bewältigen, Elternabende & -einzelgespräche führen, Admistration und Verwaltung von Schülerdokumenten, Emails & Briefen etc., Teilnahme an Sitzungen, Konferenzen und Weiterbildungen, um die wichtigsten zu nennen.

Und das alles gleichzeitig. Kein Wunder fühlt sich der Schulalltag manchmal wie ein mentaler Marathon an.

Das Problem ist auch, dass in diesem Beruf, wo einem kein Chef sagt, wann Schluss ist, man immer irgendetwas noch besser machen könnte. Es gibt immer Arbeiten, die man nochmals feinschleifen und verbessern kann. Niemand sagt einem, wo die Grenzen sind. Man muss sie sich selber setzen.

Vor allem Perfektionisten müssen lernen, sich selbst zu schützen.

Folgendes sollte man sich als Lehrer oder Lehrerin immer wieder fragen:

“Was ist wirklich wichtig? Welche Bausteine meiner Arbeiten haben die grösste Auswirkung auf meinen Berufsalltag?”

Um diese Frage zu beantworten, muss man Entscheidungen treffen.

Zu entscheiden heisst wortwörtlich etwas zu “entfernen”. Reduzieren, minimieren oder ganz eliminieren. Prioritäten erkennen und sich auf das Wesentliche konzentrieren.

Dafür eignet sich das Pareto-Prinzip.

Vilfredo Pareto war ein italienischer Ingenieur, Soziologe und Unternehmer im 19. Jh. Er war stets bestrebt, möglichst effizient und produktiv zu arbeiten.

Von ihm stammt das Prinzip des Verhältnis von 80 zu 20. Sie basiert darauf, dass man nicht nur “hart” arbeiten sollte, sondern auch “smart”.

Es ist essentiell, sich nur auf die absolut wichtigsten Tätigkeiten zu konzentrieren. Wenig Zeit nur in den wichtigsten Teil der Arbeit zu stecken, um Zeit zu gewinnen. Den Kern einer Tätigkeit auf das Essentielle herunterzubrechen und alles andere als unwichtig zu deklarieren. Mit möglichst wenig Aufwand den grösstmöglichen Effekt bewirken, indem man nur das Wesentliche tut.

In Zahlen ausgedrückt resultieren 80% unserer Ergebnisse oft nur aus 20% unserer wichtigsten Tätigkeiten. Das ist das Pareto-Prinzip.

Welche Bausteine sind die 20%, welche 80% all unserer Resultate bewirken?

Beispielsweise ist es möglich, dass nur 20% unserer Unterrichtsvorbereitung 80% der Ergebnisse einer Lektion ausmachen. Ein bestimmtes Arbeitsblatt könnte viel wichtiger sein, als die anderen 4 zusätzlichen Übungsblätter, die man als Lehrperson mühevoll zusammengesucht hat. Die SchülerInnen erinnern sich schlussendlich nur an etwas Kleines und Wichtiges, das sie im Unterricht gelernt haben. Der Rest war weniger wichtig.

Ein Beispiel des Pareto-Prinzips bei störenden SchülerInnen sind mehrfache und langwierige Diskussionen, welche viel energieraubender sein können als ein sofortiges Telefonat an die Eltern, was nur 3min. dauern kann. Oder langfristig eine gute Beziehung zum Schüler aufzubauen kann viel hilfreicher sein und sogar Freude bereiten.

Manchmal ist das Verhältnis der Pareto-Regel sogar noch extremer mit z.B. 95:5 oder 99:1. SchülerInnen kann man im Unterricht stark motivieren, wenn man als Lehrperson täglich enthusiastisch ist (auch nur geschauspielert!), kombiniert mit regelmässigem Lob der Lernenden. Das benötigt keine zusätzliche Vorbereitung, verglichen zu einem aufwändigen Unterrichts-Konstrukt, welches stundenlange Arbeit bedeuten kann.

Im Umkehrschluss der 80/20-Regel bedeutet dies auch, dass manchmal 80% der Arbeiten leider nur 20% der Ergebnisse bringen. Sprich ein riesiger Teil unserer Tätigkeiten praktisch unwichtig oder ergebnislos ist.

Beispielsweise kann man als Lehrperson entscheiden, ob man für einen Elternbrief nur 10 bis 15 Minuten investiert, oder ob man eine ganze Stunde daran schreiben will. Bei 10-15min. mag der Brief nicht perfekt sein und sich sogar mal Schreibfehler einschleichen, aber solange die Kernaussagen enthalten sind, ist das Ziel erreicht. Bei 60min. Arbeit hat man eventuell einen wunderbaren Brief geschrieben und keinen einzigen Fehler gemacht, aber gerade 45 Minuten geopfert, welche man für wertvollere Dinge hätte nutzen können.

Man sollte stets aufmerksam sein und sich selbst beobachten, damit man zunehmend erkennt, in welche Dinge man eventuell unnötig viel Zeit investiert, weil sie schlussendlich nicht viel mehr bringen. Es gibt Wichtigeres zu tun.

Gerade bei einem 100%-Penusm als Lehrperson hat man nicht immer die Zeit, schon gar nicht als BerufseinsteigerIn, jedes Mal einen riesigen Zeitaufwand für jede der vielen Aufgaben im Lehrberuf zu betreiben.

Die “guten” 20% der Arbeiten muss man ausbauen und die restlichen 80% über Bord werfen, damit man Zeit für die wirklich wichtigen Dinge hat. Zeit für sich, Zeit für die Schülerinnen und Schüler und Zeit für guten Unterricht.

(Das Gleiche gilt übrigens für das Privatleben. Viele Menschen z.B. ziehen 20% der Kleider 80% der Zeit an, weil sie sich in diesen am wohlsten fühlen.)

5-Minuten Aufgabe für dich:
Denke an eine Sache im Beruf, welche dich täglich herausfordert. Überlege, was du alles dafür an Zeit und Energie investierst. Dann wägst du ab, welche 20% deiner Tätigkeiten dabei wirklich entscheidend sind. Die anderen 80% reduzierst, minimierst oder eliminerst du ganz. Viel Erfolg!

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Wenn du dich noch mehr mit Produktivität und Effizienz auseinandersetzen willst, kann ich dir diese beiden Bücher empfehlen. Sie haben mir persönlich bei der Weiterentwicklung als Lehrer sehr geholfen:

Die 4-Stunden Woche von Tim Ferris (Link)

Tim Ferris ist ein amerikanischer Unternehmer im Silicon Valley und ein echter Meister in der Anwendung des Pareto-Prinzips. In seinem Buch “The 4-Hour-Workweek” geht er detailliert auf tägliche Herausforderungen im Beruf und als Selbständiger ein, und erklärt, wie er seine Arbeitszeit reduziert, aber dabei nicht auf Qualität verzichtet. Im Gegenteil – durch die 80/20-Regel und weitere Prinzipien steigert er die Gesamtqualität all seiner Arbeit.

Die 7 Wege zur Effektivität von Dr. Stephen R. Covey (Link)

In seinem Buch “The Seven Habits of Highly Effective People” erklärt der Hochschullehrer Stephen Covey sieben einfache Prinzipien, die man auf die Arbeit und das Privatleben anwenden kann, um die Arbeits- und Lebensqualität enorm zu verbessern.

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