Klassenklima und Unterrichtsstörungen in 7 Schritten meistern – Garantiert. (Teil 3 – Loben und Positives Verstärken)

Lesezeit: 5min+

Liebe Lehrerinnen und Liebe Lehrer-Freunde

In Teil 1 dieser Serie wurden zielorientierte Unterrichtsregeln

und in Teil 2 die Umsetzung von wirksamen Konsequenz bei Störungen aufgezeigt.

Nun folgt das dritte von sieben Puzzlestücken für ein tolles Klassenklima.

In diesem Kapitel geht es auch wieder um ein simples aber sehr effektives Werkzeug, das enorm wichtig ist, um eine positive Unterrichtsatmosphäre zu erreichen.

Das einzige wirkliche Problem dabei ist, dass man es im Alltag schnell wieder vergisst regelmässig zu tun…

Man nennt es „Förderung von positivem Verhalten“ oder „Positive Verstärkung“.

Power Of Positive Feedback

Es geht darum, den Fokus von unserer Aufgabe als Lehrperson wegzunehmen von der klassischen “Fehlerkultur” und „Prüfungskultur“, hin zur Orientierung nach den alltäglichen Stärken unserer SchülerInnen.

Anstatt immer ständig vor allem darauf zu schauen, was sie (noch) “nicht gut” machen, wollen wir täglich versuchen, einzelnen SchülerInnen Feedback zu vielen Kleinigkeiten zu geben, welche sie bereits gut machen.

Dinge, welche uns im Alltag selbstverständlich erscheinen, es aber nicht sind.

Ist es selbstverständlich, dass SchülerInnen sich gegenseitig freiwillig helfen?

Ist es es selbstverständlich, dass sie sich bei Aufgaben Mühe geben, mitzumachen und sich anzustrengen?

Es ist überhaupt nicht selbstverständlich.

Sie könnten auch die ganze Zeit nur für sich selbst schauen, oder gerade einen schlechten Tag und keine Lust haben, bei irgendetwas mitzumachen.

Daher müssen wir uns stets erinnern, den SchülerInnen wertschätzendes Feedback zu geben.

Als Lehrpersonen fördern wir “positives” Verhalten, wenn wir unseren SchülerInnen regelmässig und wohldosiert zurückmelden, dass sie sich toll verhalten.

Selbst wenn es nur kleine aber vorbildliche Dinge sind, sollten wir sie dafür loben und sie schlussendlich damit motivieren, noch mehr davon zu zeigen.

Es ist kein Wunder, dass unser Fokus durch die Aufgabe reglmässig ein Schulzeugnis ausstellen zu müssen, bereits darauf vorprogrammiert ist, alles zu erkennen und festzuhalten, was von “der Norm” oder den “Zeugnis-Ansprüchen” abweicht.

Wir müssen uns dagegen wehren, von diesem Zeugnis-Fokus voreingenommen zu sein und immer nur das „Imperfekte“ zu suchen (die Lücke zum „besten“ Zeugnis), und uns immer wieder daran erinnern, den Blick auf die Dinge zu richten, welche SchülerInnen bereits “gut” machen.

  • “Danke für deine Anstrengung”
  • “Danke für dein vorbildliches Verhalten in der Klasse”
  • “Danke für deine genaue Arbeit”
  • “Danke für dein ruhiges und konzentriertes Lernen”
  • “Du hast dir heute wirklich Mühe gegeben – super! Weiter so!”

sind kurze aber äusserst wirksame Aussagen, die dich als Lehrperson nichts kosten.

Solche Aussagen sind auch schnell schriftlich dokumentiert, wenn du deine (z.b. digitalen) Schülerportfolios schnell hervornehmen kannst und etwas für das nächste Elterngespräch in der Hand haben möchtest.

Z.B. In einer ruhigen Minute der Lektion, wenn die SchülerInnen gerade an einem Auftrag sind, überlegt man kurz, wer sich Mühe gibt etc. und schreibt dies systematisch auf (vor allem auch an die unauffälligen SchülerInnen denken) .

Das soll jetzt übrigens nicht heissen, dass du täglich für 25 SchülerInnen ständig rückmelden und akribisch dokumentieren sollst.

So viel Zeit haben wir Lehrpersonen im Schulalltag sowieso nicht 😉 aber es lohnt sich, sich ein eigenes Ziel setzen, z.B. täglich ein paar SchülerInnen zurückzumelden, wenn sie sich in irgendeiner Weise toll Verhalten haben. Am nächsten Tag stellst du den Fokus auf eine andere Auswahl von SchülerInnen usw.

Wichtig ist natürlich, dass ehrlich lobst und nicht nur versuchst, deinen SchülerInnen Honig um den Mund zu schmieren, den sie gar nicht verdient haben.

Lob muss wahr und authentisch sein.

Gerade wenn solch lobendes Feedback vor den Augen anderer SchülerInnen oder sogar der ganzen Klasse gemacht wird, werden die MitschülerInnen viel eher motiviert sein, genauso “vorbildliches” Verhalten zu zeigen, um auch wertschätzendes Feedback von der Lehrperson zu erhalten.

Und wenn man es regelmässig mit immer wechselnden SchülerInnen macht, kann niemand vermuten, dass man einzelne vorzieht etc.

Besonders zu beachten ist, dass man spezifisch lobt und beschreibt, was genau gut gemacht wurde.

Wenn nur ein “Du bist super” ausgesagt wird, fühlen sich SchülerInnen zwar gut, wissen aber nicht immer genau, was sie wirklich gut gemacht haben.

Entscheidend ist, dass man spezifisch im Lob beschreibt, was sie genau getan haben, um klarzustellen, welche Anstrengung und Mühe sie erneut aufbringen müssten, um erneut wertschätzendes Feedback zu erhalten.

Nur so nebenbei… Im 2. Teil dieser Serie Wie man wirklich konsequent wird habe ich vorgeschlagen, aus Störungen manchmal öffentlich “ein Exempel zu statuieren”.

Da wir Menschen viel nach sozialer Bestätigung handeln und leben, bin ich der Meinung, dass man Vieles im Alltag allen SchülerInnen transparent machen darf – egal ob es Lob oder Konsequenzen sind.

Menschen beobachten Menschen. Und wenn ihnen das folgende Feedback gefällt, fangen sie an das Verhalten nachzuahmen.

Solange alles auf eine “sachliche” und “objektive” Art und weise kommuniziert wird, bedeutet es für alle, faire und gleichberechtigte Behandlung.


Nachahmung ist die höchste Form der Anerkennung.

Oscar Wilde
(1854 – 1900) irischer Lyriker, Dramatiker und Bühnenautor


Und übrigens kann sich natürlich auch eine ganze Klasse an einem Lob erfreuen, wenn sie mal für 5min. ruhig und selbständig an einer Aufgabe gearbeitet haben:

“Danke, dass ihr euch Mühe gegeben und so ruhig die Aufgaben gelöst habt. Jede und jeder von euch hat dazu beigetragen und bewirkt, dass sich so alle besser konzentrieren konnten. Weiter so!”

Dokumentation – Mündlich ist gut, schriftlich wirkt länger

All dieses Feedback kurz und effizient zu dokumentieren lohnt sich wirklich und sollte schlussendlich entscheidender sein, als nur mündliches Feedback zu geben.

Ähnlich wie bei Inhalten auf dem Smartphone, die man immer wieder gerne nachlesen geht, sehen sich die SchülerInnen immer wieder gerne an, wofür sie Lob erhalten haben.

Das kann ihr Selbstwertgefühl stärken und motivieren, weiterhin solches Verhalten zu zeigen, um mehr Wertschätzung zu erhalten.

Schliesslich ist Wertschätzung etwas, wonach wir Menschen uns im Leben immer in irgendeiner Form sehnen. Egal ob von Familie, Freunden, Eltern, Vorbildern und anderen Mitmenschen – Lehrpersonen.

Dokumentation von allem mag zu Beginn nach einem riesigen Aufwand klingen, aber es ist nur eine Frage davon, was für ein System man sich vorher einrichtet.

Und ausserdem sollte man sich die Frage stellen, wie viel Zeit man schlussendlich gewinnt, wenn man seine Zeit regelmässig in solche Aufgaben investiert, weil dann der gesamte Unterricht “besser läuft”, da die SchülerInnen gerne im Unterricht einer Lehrperson mitmachen, die sie mit regelmässigem Lob motiviert.

Eine sehr einfache Lösung für Schulen, die (noch) keine Lehrer-Plattform für Dokumentation zur Verfügung haben, kann z.B. eine Excel oder Google Tabelle sein.

Word oder Google Docs ist natürlich auch eine Möglichkeit. Jede Lehrperson muss für sich selber testen, was einem am besten passt.

Tabellarisch kann dann “positives” und “negatives” Verhalten festgehalten werden und das Dokument an die Eltern und SchülerInnen freigegeben werden, per Freigabe-Funktion oder als Mail-Kopien.

Um dem Datenschutz gerecht zu werden, können die Namen der SchülerInnen z.B. nur mit Initialen angegeben werden.

Die Tabelle kann auch ausgedruckt werden. Gerade die SchülerInnen selbst, welche es sich verdient haben, dieses Lob “ernten” zu dürfen, müssen es schwarz auf weiss sehen können.

Wenn sie keinen digitalen Zugang zu den Lehrer-Dokumenten haben, muss man sich überlegen, die Papiere z.B. Ende der Woche kurz auszudrucken oder es ihnen sonst irgendwie transparent zu machen.

Wichtig ist schlussendlich, dass alle Parteien stets informiert sind: Lehrperson(en), SchülerInnen und Eltern.

(Wenn sich mehrere SchülerInnen positiv verhalten, kann die Notiz per “copy+paste” bei mehreren Personen eingetragen werden.)

Dies ist nur eine von vielen möglichen Lösungen, die sich jeder selber einrichten kann. Die Schule, an der ich aktuell arbeite, benutzt bspw. die Schulplattform “Escola”, welche erlaubt, Einträge sofort per Knopfdruck an die Eltern per Mail mit zu schicken (das ist echt praktisch, kann aber manuell fast genauso schnell getan werden).

Der verhältnismässig “mittelgrosse” Aufwand ein solches System vorher aufzusetzen, bringt einen riesigen Mehrwert, um langfristig ein positives und produktives Klassenklima zu erreichen, weil regelmässiger Elternkontakt, Transparenz und schriftliche Dokumentation alle Parteien immer wieder daran erinnern, was der aktuelle Stand ist und was getan werden muss, um ein „gutes Ergebnis“ in der Schule zu erreichen.

Kritiker könnten nun argumentieren, dass all dies ein Form von „Schleimerei“ oder „Manipulation“ ist und unsere Kinder auf diese Art und Weise abhängig von Lob und Wertschätzung der Erwachsenen werden.

Aber stellen wir uns einmal vor, wir würden kein einziges Feedback an unsere Mitmenschen geben, egal ob Kinder oder Erwachsene.

Höchstens, wenn jemand einen Fehler macht. Denn das Schulsystem strebt ja nach „Perfektion“ – der perfekten Note etc.

Wie geht es wohl dann unseren SchülerInnen…?

Dass man zu viel und unspezifisch loben kann, glaube ich auch.

Es gibt immer irgendwo eine Grenze.

Aber wenn man über 30 Stunden pro Woche in einer Gruppe mit 25 anderen Menschen oder mehr verbringt, und nur z.B. einmal in 5 Tagen ein wirklich tolles Lob von der Lehrperson erhält, ist man garantiert motivierter, als wenn praktisch keine Beachtung geschenkt wird.

Es sind die Kleinigkeiten, welche unser Leben ausmachen.


Lob ist wie Dünger, welchen man auf dem Feld der Leistung ausstreut. Zu wenig lässt die Pflanzen kümmern, zu viel davon kann aber die Ernte verderben. Nur wohldosiertes, ehrliches Lob lässt Höchstleistungen spriessen.

Richard Vizethum, Head-Coach von A.R.T.-Leadership


Also, zieht los! Gebt regelmässig wertschätzendes und ehrliches Feedback bei all den Kleinigkeiten im Alltag, die wirklich nicht selbstverständlich sind und vergesst eines nicht – wenn es geht, oft zu dokumentieren 😉

Bonus Tipp

Um sich selber an das regelmässige “Positive Verstärken” zu erinnern, kann man sich ein System einrichten, das es für einen selbst tut, weil man im Schulalltag oft noch mit vielen anderen Aufgaben beschäftigt ist.

Ich persönlich habe z.B. in meinem Google-Kalender eine Erinnerung an jedem Montag Morgen, welche mir ein Email zukommen lässt mit der Notiz “Positive Einträge 5min,”, welche mich erinnert, ab und zu in den letzten 5min. einer Lektion mir kurz zu notieren, welche SchülerInnen gerade vorbildliches Verhalten gezeigt haben.

Dieses Mail lasse ich dann die ganze Woche “offen” in meinem Postfach, um mich zu erinnern.

Das kann natürlich genauso mit einem Post-It oder ähnlich gemacht werden – finde deinen eigenen Weg!


5min.-Challenge für dich

Bereite eine Tabelle oder ein anderes Dokument vor, in dem du schnell und jederzeit kleine Notizen zum Verhalten deiner SchülerInnen machen kannst. Richtige unbedingt zuerst die Spalte „Positives Verhalten“ und färbe sie z.B. hellgrün ein. Die andere Spalte kannst du z.B. „Verbesserungswürdiges“ nennen und mit einem feinen rot einfärben.

Pro Tag versuchst dann du z.B. an 5 SchülerInnen oder mehr kleines “Lob” oder wertschätzendes Feedback zu geben, dies schriftlich festzuhalten und ihnen kurz mündlich mitzuteilen. Richte dir dafür auch eine Erinnerung ein, welche dich z.B.einmal pro Woche daran erinnert.

Viel Erfolg!

Dein Davide


 

Lehrertricks.com unterstützen?

Kaufe bei Amazon deine Produkte über die Bücher-Links (https://amzn.to/2Grv3yP). Amazon erkennt so, dass du von Lehrertricks weitergeleitet wurdest und überweist dafür z.B. 1-2% auf jedes bestellte Produkt (auch anderes als Bücher).

Lehrertricks wird ehrenamtlich geführt und alle Inhalte sind kostenlos. Das Erstellen eines Beitrags dauert ca. 1-2 Tage. Danke!

 


Photo Credit: https://www.pexels.com/photo/blur-color-conceptual-cube-208147/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s